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Es ist nun etwas sehr Seltsames, daß in der neueren Philosophie vor allem, ja nahezu ausschließlich dieses Gesicht des Staunens gesehen worden ist, so daß der alte Satz vom Staunen als dem Anfang der Philosophie den Sinn bekommen hat: am Anfang der Philosophie stehe der Zweifel.

So sagt Hegel in seiner Vorlesung über die Geschichte der Philosophie, als von Sokrates die Rede ist und von seiner Methode, den Partner zum Staunen zu bringen angesichts des scheinbar Selbstverständlichen, die Verwirrung sei dabei die Hauptsache: »diese bloß negative Tatsache ist die Hauptsache«; »es ist Verwirrung, mit der die Philosophie überhaupt anfangen muß und die sie für sich hervorbringt; man muß an allem zweifeln, man muß alle Voraussetzungen aufgeben, um es dann als durch den Begriff Erzeugtes wieder zu erhalten«. [34] Es liegt ganz in der Linie dieses, im Grunde cartesischen, Ansatzes, wenn Windelband in seiner berühmten Einleitung in die Philosophie das griechische Wort thaumázein geradezu verdeutscht als das »Irrewerden des Denkens an sich selber«.[35]

(Chesterton hat, wie hier nebenbei bemerkt sei, auf solche »Voraussetzungslosigkeit« seine treffende Bemerkung gemünzt: es gebe eine besondere Form von Wahnsinn, welcher darin bestehe, daß einer alles verliere, nur den Verstand nicht.)

Sollte aber der wahre Sinn des Erstaunens wirklich in der Entwurzelung liegen, in der Hervorrufung des Zweifels? Oder nicht vielmehr darin, daß eine neue, tiefere Einwurzelung möglich und notwendig wird? Gewiß verlieren im Erstaunen (das wie eine Enttäuschung ist, die ja auch etwas im Grunde Positives ist: die Befreiung aus der Täuschung) – gewiß verlieren für den Erstaunenden die vorletzten Selbstverständlichkeiten ihre bis dahin unangezweifelte Geltung; es kommt ans Licht, daß diese Selbstverständlichkeiten nicht endgültig sind.

Aber der Sinn dessen, der Sinn des Staunens ist doch die Erfahrung, daß die Welt tiefer, großräumiger, geheimnisreicher ist, als es dem Alltagsverstand erscheint. Die innere Richtung des Staunens erfüllt sich im Sinn für das Geheimnis.

Die innere Richtung des Staunens zielt nicht auf die Hervorrufung des Zweifels, sondern auf die Weckung der Erkenntnis, daß das Sein als Sein unbegreiflich und geheimnisvoll ist – daß das Sein selbst ein Geheimnis ist, Geheimnis im eigentlichen Sinn: nicht bloße Unwegsamkeit, nicht Widersinn, ja nicht einmal eigentlich Dunkelheit;

Geheimnis besagt ja vielmehr, daß eine Wirklichkeit deswegen unbegreiflich ist, weil ihr Licht unaustrinkbar, unausschöpfbar und unerschöpflich sei.

Dies aber ist es, was der Staunende eigentlich erfährt.

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Josef Pieper, Schriften zum Philosophiebegriff (Werke in acht Bänden, Band 3),
hg. von Berthold Wald, Felix Meiner Verlag Hamburg, 1995.

 

...... vollständiger Text siehe Quelle unten .........'


Quelle:

 

Siehe dazu auch:

(Auswahl deutschsprachiger) Werke

  • Josef Pieper, Werke auf CD-ROM [Elektronische Ressource] : Volltextretrievalsystem ViewLit Professional / hrsg. von Berthold Wald

  • Eine Geschichte wie ein Strahl. Autobiographische Aufzeichnungen seit 1964, Kösel Verlag 1988 (220 S, ISBN: 3466401704 / 3-466-40170-4).

  • Die Neuordnung der menschlichen Gesellscfhaft, Carolus-Druckerei Frankfurt 1932.

  • Die Wirklichkeit und das Gute, Hegner Leipzig 1935.

  • Vom Sinn der Tapferkeit, Hegner , Leipzig 1938; Kösel Verlag München 1954 (88 Seiten).

  • Über das christliche Menschenbild, Hegner Leipzig 1940; Johannes Verlag Einsiedeln 2002/2010 (2./3. Auflage; 66 Seiten)

  • Ordnung und Geheimnis. Ein Brevier der Weltweisheit aus dem Werke des hl. Thomas von Aquin, Arche Verlag Zürich 1946.

  • Wahrheit der Dinge, Kösel Verlag München 1947.

  • Zucht und Maß, Summa Verlag Olten 1947; Kösel Verlag München 1955 (7. Auflage; 125 Seiten).

  • Was heißt philosophieren ? Vier Vorlesungen, Hegner-Bücherei im Kokses Verlag München 1948 (120 Seiten).

  • Muße und Kult, Kösel Verlag, München 1948; Mit einer Einf. von Karl Lehmann, Kösel Verlag München 2007; ISBN 978-3-466-36773-3

  • Über Thomas von Aquin, Olten 1948.

  • Was heißt philosophieren, Olten 1948; Johannes Verlag Einsiedeln Freiburg 2007 (2. Auflage; 115 Seiten) ISBN: 957-0411-86-4

  • Über das Ende der Zeit, München 1950.

 

********** Die 4 natürlichen, die 3 übernatürlichen Tugenden *********

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Herausgegeben von Berthold Wald.

Die auf acht Bände und zwei Ergänzungsbände angelegte Werkausgabe »letzter Hand« umfaßt alle bisher gedruckten Monographien sowie den größten Teil der in deutscher Sprache veröffentlichten Vorträge, Zeitschriftenartikel, Beiträge, Kleinschriften und autobiographischen Schriften Josef Piepers.

Leitfaden für die Zusammenstellung ist ihre (überwiegende) Zugehörigkeit zu einzelnen Sachgebieten der Philosophie.

Die Ausgabe gliedert sich in die Bereiche:

  • Darstellungen und Interpretationen zu Themen und Gestalten der Philosophie (Bde. 1/2),

  • Schriften zum Begriff der Philosophie (Bd. 3),

  • Anthropologie und Ethik (Bde. 4/5),

  • Kulturphilosophie (Bd. 6) und

  • Religionsphilosophie (Bd. 7).

  • Band 8 vermittelt einen Überblick über das Gesamtwerk durch eine systematisch geordnete Zusammenstellung solcher Schriften, die nicht in die Bände 1–7 aufgenommen werden konnten. Er wird ergänzt durch ein Personen- und Sachregister sowie durch ein umfassendes Schriftenverzeichnis.

  • Die frühen soziologischen Schriften (1929–1948) im Ergänzungsband 1 und die autobiographischen Schriften (von 1945 und 1975–1988) im Ergänzungsband 2 runden die Gesamtausgabe ab.

Die Wiedergabe der Druckschriften folgt dem Text der jeweils letzten, vom Autor selbst durchgesehenen Auflage. Zusätzlich werden erstmals auch ungedruckte Texte – in der Regel Vorlesungsmanuskripte – aus dem umfangreichen handschriftlichen Fundus veröffentlicht.

Die Textdarbietung ist in formaler Hinsicht den Druckschriften angeglichen; Eingriffe des Herausgebers in den Text beschränken sich auf (gekennzeichnete) Ergänzungen und Kürzungen, sofern diese einer besseren Lesbarkeit zugute kommen.

Zitate wurden nach der jeweils benutzten Ausgabe überprüft, einzelne Zitationsversehen stillschweigend berichtigt. Quellennachweise erfolgen bei erstmaliger Angabe vollständig, danach in abgekürzter Form.

Zur leichteren Wiederauffindung der vollständigen Angaben enthält jeder Band ein Namenregister sowie ein Verzeichnis der verwendeten Abkürzungen, sofern sie über die gebräuchlichen Notierungen hinausgehen.

 

 

Teil 1 - Leben und Wirken

Am 6. November 2017 jährte sich zum 20. Mal der Todestag von Josef Pieper. Er gilt als einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts katholischer Provenienz. Im Gespräch mit Robert Rauhut spricht Professor Berthold Wald, der Josef Pieper persönlich kannte, über wesentliche Lebensstationen von Josef Pieper und zentrale Themen seines Wirkens.

 

 

 

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