betrifft Ihre Aufgabe, das Wohl der Gemeinschaft, das Gemeinwohl, über jedes Einzelinteresse hinaus zu fördern und zu schützen – insbesondere in der Verteidigung der Schwächsten und Ausgegrenzten.
Es gilt beispielsweise, darauf hinzuwirken, daß das untragbare Mißverhältnis zwischen dem Reichtum einiger weniger und einer allzu weitverbreiteten Armut überwunden wird (vgl. Leo XIII., Enzyklika Rerum novarum, 15. Mai 1891, 1).
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Die zweite Überlegung
betrifft die Religionsfreiheit und den interreligiösen Dialog.
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Um also einen einheitlichen Bezugspunkt für das politische Handeln zu haben, ist es hilfreich, nicht das Transzendente von vornherein aus den Entscheidungsprozessen auszuschließen, sondern darin das Verbindende zu suchen.
Dabei ist ein wesentlicher Bezugspunkt das Naturrecht – nicht von Menschenhand geschrieben, aber als universell gültig und zeitlos anerkannt –, das in der Natur selbst seine plausibelste und überzeugendste Gestalt findet.
Schon in der Antike war Cicero ein maßgeblicher Interpret dieses Gedankens, der in seinem Werk De re publica schrieb: „Das Naturrecht ist die rechte Vernunft, der Natur gemäß, allgemein, beständig und ewig. Es fordert durch seine Gebote zur Pflicht auf und hält durch seine Verbote vom Bösen ab […]. Dieses Gesetz darf nicht geändert oder in Teilen aufgehoben werden, noch ist es möglich, es gänzlich abzuschaffen. Weder Senat noch Volk können uns von ihm entbinden, und es bedarf keines Auslegers oder Interpreten. Es wird nicht ein Gesetz in Rom und ein anderes in Athen, nicht ein Gesetz heute und ein anderes künftig geben; sondern ein einziges, ewiges und unveränderliches Gesetz wird über alle Völker zu allen Zeiten herrschen“ (De re publica, III, 22).
Das Naturrecht, das jenseits und über subjektiveren Überzeugungen steht, dient als Richtschnur für das gesetzgeberische Handeln, besonders bei ethischen Fragen, die heute dringlicher denn je in Erscheinung treten und zutiefst die persönliche Intimität betreffen.
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, am 10. Dezember 1948 von den Vereinten Nationen verabschiedet, gehört mittlerweile zum kulturellen Erbe der Menschheit. Dieser stets aktuelle Text kann viel dazu beitragen, den Menschen – in seiner unantastbaren Ganzheit – wieder in den Mittelpunkt der Wahrheitssuche zu stellen und jenen ihre Würde zurückzugeben, die sich im Innersten und in den Ansprüchen ihres Gewissens nicht respektiert fühlen.
Die dritte Überlegung schließlich:
Der Grad der Zivilisation, den unsere Welt erreicht hat, und die Ziele, zu denen Sie berufen sind, stellen uns heute vor die große Herausforderung der künstlichen Intelligenz. Diese Entwicklung kann der Gesellschaft zweifellos von großem Nutzen sein, jedoch nur, sofern ihr Einsatz nicht die Identität und Würde des Menschen sowie dessen Grundfreiheiten beeinträchtigt. Es darf nie vergessen werden, daß die künstliche Intelligenz ein Werkzeug im Dienste des Menschen ist – nicht zu dessen Minderung oder gar zu seiner Entwertung. Hier liegt eine gewaltige Herausforderung, die große Aufmerksamkeit und einen weitsichtigen Blick in die Zukunft erfordert, um – auch angesichts neuer Szenarien – Lebensstile zu entwerfen, die gesund, gerecht und sicher sind, insbesondere im Hinblick auf die kommenden Generationen.
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Das persönliche Leben wiegt unendlich mehr als ein Algorithmus, und das soziale Miteinander braucht menschlichen Raum, der weit über die engen Muster hinausgeht, welche seelenlose Maschinen vorgeben mögen.
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Vergessen wir nicht: Auch wenn künstliche Intelligenz Millionen von Daten speichern und in wenigen Sekunden viele Fragen beantworten kann, bleibt ihre „Erinnerung“ eine statische – unvergleichbar mit der des Menschen, die kreativ, dynamisch, schöpferisch ist und Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in lebendiger Sinnsuche miteinander verknüpfen kann, mit allen ethischen und existentiellen Implikationen
(vgl. Franziskus, Ansprache zur G7-Sitzung über künstliche Intelligenz, 14. Juni 2024).
Die Politik kann sich einer solchen Herausforderung nicht entziehen. Im Gegenteil: Sie ist aufgerufen, darauf zu antworten – im Namen all jener Bürger, die dieser neuen digitalen Kultur mit Hoffnung und Sorge zugleich begegnen.